29.04.2020

Das Denk-mal

Über Nostalgie, Naturseen als Plan A & Neugierde, die einen überall hinführt. INTERVIEW MIT HERMANN KLAPEER

Wie hast du persönlich das Schicksal der Grauner miterlebt? Prägt es deine Sicht auf den Reschensee bis heute?

Als das Dorf geflutet wurde, war ich gerade mal drei Jahre alt. In meinen frühesten Erinnerungen sehe ich uns mit dem Fahrrad zum Reschensee fahren, wo die Kirche in Reschen unter Wasser stand. Wir sind dann mit dem Floß rüber zum Portal und haben in die Ruine hineingeschaut. Wenn ich heute an den See komme, denke ich nicht vorrangig an die historischen Ereignisse. Die alten Häuser in der letzten Straße von Reschen machen mich trotzdem nachdenklich und nostalgisch. Die Menschen dort sind außergewöhnlich selbstbewusst und schollenverbunden. Sie erhalten die alte Substanz, anstatt – wie anderswo üblich – alles abzureißen und neu zu bauen.


Zeigten sich die Nauderer damals solidarisch mit den Südtirolern, die vor dem Wasser flüchten mussten?

Mitleidig ja, denn viele hatten Bekannte in den Südtiroler Dörfern. Genaues Verständnis der Vorgänge gab es jedoch nicht – die längste Zeit konnten ja nicht mal die Grauner selbst fassen, was ihnen geschah. In Nauders erreichten die Bevölkerung noch weniger Informationen. Seit der Trennung von Nord- und Südtirol im Jahr 1918 hatte sich die Verbindung zwischen den Nachbarn erheblich gelockert. Außerdem lag über allem die gedrückte Stimmung der ersten Nachkriegsjahre. Jeder hatte Schlimmes erlebt und musste das verarbeiten.



Nach dem Fluch kam der Segen, als das touristische Potenzial des Reschensees erkannt wurde. Wie stünde die Region heute ohne den Kirchturm als Wahrzeichen da?

Natürlich profitiert sie von einem derart starken Symbol als Aushängeschild. Trotzdem glaube ich, dass die Region ohne das Stauseeprojekt eine gigantische touristische Entwicklung genommen hätte, nicht zu vergleichen mit dem Status quo. Man rufe sich nur die ursprüngliche Landschaft in Erinnerung: ein fruchtbares, ebenes Plateau mit drei wunderschönen Naturseen. Kaum auszumalen, welchen Reiz dieser Ort heute ausüben würde, noch dazu mit historisch gewachsenen dörflichen Strukturen.

Die Inszenierung rund um den Kirchturm ist also quasi der touristische Plan B?

Über den gesamten Zeitraum betrachtet, muss man ganz klar sagen, dass den Graunern die Vermarktung des Turms zusteht. Die Nachfolge-Generationen der Ausgesiedelten dürfen natürlich von der Geschichte profitieren. Und mittlerweile haben selbst die ärgsten Widersacher des Projekts eingesehen, dass es besser ist, voraus- statt zurückzublicken. Trotzdem sollte der Turm ein Mahnmal bleiben und nur eine von mehreren touristischen Attraktionen in der Region darstellen. Wäre schade, wenn er zur reinen Show verkommt.

„Wo kheasch du eigentlich dazua?“, wurdest du als umtriebiger Kulturarbeiter einmal bei einer länderübergreifenden Konferenz gefragt. Und, wo gehörst du dazu?

Überall. Ich bin ein Gegner des Kirchturmdenkens und finde alle drei Kulturräume – Vinschgau, Engadin und Tiroler Oberland – extrem faszinierend. Wo sonst offenbaren sich innerhalb eines so kleinen Raums so viele Unterschiede in Kulinarik, Brauchtum, Dialekt, einfach allem? Und trotzdem lassen sich verbindende Elemente entdecken. Sich darauf einzulassen, beschert intensive, wunderschöne Erlebnisse.



Filmtipp
Das versunkene Dorf
IT 2018, 82 min.
Eine Produktion der Albolina Film GmbH, Bozen

In berührenden Einzelporträts von Zeitzeugen spüren Georg Lembergh und Hansjörg Stecher den Fragen nach Heimat und Heimatverlust nach und beleuchten, wie die Jungen mit dem schwierigen Erbe umgehen.

Offizielle Webseite: www.dasversunkenedorf.com

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